Samstag, 21. Juni 2014

Küchengedanken: Von der Illusion der Kalkulierbarkeit

Sie lebte schon sehr lange alleine. Ohne Mann an ihrer Seite. Es war ein gutes Leben, jedenfalls hatte sie schon genug Lebenserfahrung, um zu wissen, dass es wesentlich schlechtere Lebensentwürfe gab. Es war ein geordnetes Leben, jedenfalls versuchte sie alles um sich herum zu organisieren. Den Job, die Kinder, den Haushalt, die Wege, die Zeit. 

Und trotzdem stieg manchmal dieses eine Gefühl in ihr hoch. Es war keine richtige Einsamkeit. 
Es war mehr ein Gefühl der Verlorenheit, der Haltlosligkeit, ja vielleicht auch ein Gefühl der Hilflosigkeit. Dieses Gefühl kam nie mit voller Wucht, es schlich sich an, klopfte zögernd. Auf ein “Herein” durfte dieses Gefühl nur selten hoffen. Meistens verbot sie sich diese Schwäche. Sie hasste Schwäche. Manchmal auch bei anderen, doch am meisten bei sich selbst. 

Dennoch, das Gefühl ließ sich nicht beirren, und bat regelmäßig um Einlass. Einlass in ihre Gedankenwelt. Diese geordnete Gedankenwelt, in der wenig Platz für Gefühle war. Natürlich gab es in dieser Welt auch ein paar geordnete Gefühle. Gut sortiert standen sie da, wie kleine Döschen im Gewürzregal. Sauber beschriftet, in alphabetischer Reihenfolge. Jedes von ihnen, dem passenden Anlass zugeordnet, an dem sie sich eine kleine Prise davon genehmigte, das geordnete Leben damit würzte. Gerade genug, um nicht das Gefühl zu haben, schon gestorben zu sein. Ja, sie hatte ihre Gefühle unter Kontrolle. Wann immer sie ein Döschen öffnete, konnte sie die Gefühle dabei beobachten, wie sie langsam aus der Öffnung rieselten, immer in dem Bewusstsein, die Dose im Falle der Überdosierung schnell wieder schließen zu können. Dieses Bewusstsein gab ihr ein Gefühl der Sicherheit. Es machte sie stark. 

Genau deshalb fiel es ihr auch so schwer, dieses eine Gefühl herein zu bitten. Tat sie es dennoch, weil sie sich in dem Moment sicher genug wähnte, fühlte sie den Schmerz. Ein Schmerz, der sie zu überrollen drohte. Bitter in der Kehle, sauer in der Magengegend, brennend scharf den Brustkorb umklammernd. Salzig die Tränen, die ihr dann die Wangen entlang ronnen. 
Doch dieses Gefühl war auch süß. Die Süße der Verheissung - der Hoffnung, dass es abseits dieses geordneten Lebens noch etwas gab. Etwas, wozu man Schwäche zulassen musste. Die Schwäche, sich seine Sehnsüchte einzugestehen, die Ängste zuzulassen. 
Wo Sehnsüchte stärker werden als die Angst, entsteht der Mut für Neues. 

Als ihr Mann das Zimmer betrat, schreckte sie aus ihren Gedanken hoch. Sie freute sich über den Strauß Rosen, den er ihr mitgebracht hatte. Sie stellte die Rosen in eine Vase, setzte sich mit ihm an den kleinen Steintisch in der Küche, und fragte ihn, ob er Lust hätte, sich etwas zu unterhalten. Sie hörte ihm zu, wie er erzählte. In seiner ruhigen Art, die sie so an ihm schätzte. In seiner ruhigen Art, mit der es ihm damals gelang, dass ihre Sehnsucht stärker wurde als die Angst, sie etwas Neues wagte. Sie musste weinen. Sie stand auf und umarmte ihren Mann. Er schien etwas besorgt, unsicher darüber, was sie ihm gleich sagen würde. Die Tränen erstickten ihre Stimme, also holte sie noch einmal tief Luft: “Du hast mich gerettet. Nicht nur vor den Spinnen in unserem Schuppen. Nein, du hast meine Gefühle gerettet und damit mein Leben.”



Diese Geschichte ist eine Fortsetzung einer Geschichte, die auf www.endoplast.de erschienen ist. Nachzulesen ist sie hier.  

Sonntag, 20. April 2014

Kindheitserinnerungen

Wir alle tragen sie mit uns herum - Kindheitserinnerungen. Manche davon sind schön, manche vielleicht weniger. Aber es ist schon erstaunlich, woran wir uns erinnern, wenn wir an unsere Kindheit denken. Meistens sind das nicht die außergewöhnlichen Ereignisse, die ihre Spuren hinterlassen, sondern mehr so die ganz alltäglichen Dinge.

+Inga Palme hatte die Idee, doch mal über Kindheitserinnerungen zu schreiben, und hat es auf ihrem Blog vorgemacht. Gerne greife ich diese Idee auf und will auch ein paar meiner Kindheitserinnerungen hier festhalten.

Ich erinnere mich nicht an ein besonders tolles Spielzeug, aber ich erinnere mich an besonders tolle Spiele, die wir gespielt haben. In einem kleinen Dachraum hatten wir uns unser eigenes Raumschiff Enterprise nachgebaut. Die vielen Knöpfe der diversen Steuercomputer bestanden dabei aus den Plastikeinlagen von Pralinenschachteln, die wir an den Wänden befestigt hatten. Sah super aus, hat auch toll funktioniert, es gab nur einen Nachteil: nachdem so ein "Knopf" gedrückt wurde, musste man die Dinger wieder ausbeulen, damit sie wieder funktionsfähig wurden. Wir hatten sogar eine kleine Raumfähre aus einer alten Obstkiste, die wir benutzten, wenn wir unser Raumschiff mal verlassen wollten.

Natürlich haben wir auch sehr viel draussen gespielt. Damals hat man sich noch nicht klassisch verabredet. Man ist nachmittags einfach rausgegangen, und da waren immer irgendwelche Nachbarskinder, mit denen man spielen konnte. Da ich am Land aufgewachsen bin, hatten wir einen ganz schön großen Aktionsradius für unsere Spiele. Wald, Wiesen, Bäche - das alles waren für uns ganz vortreffliche Spielplätze, denn Spielplätze in dem Sinn, wie wir sie heute kennen, gab es damals bei uns nicht.

Sonntag, 6. April 2014

Escort-Service für die Seele

Nicht immer läuft im Leben alles rund. Dann ist es gut, wenn man jemanden an seiner Seite hat, der dabei hilft, nicht ganz aus der Spur zu geraten. Wo der innere Kompass versagt, und die Navigation nach der Sonne aufgrund des trüben Himmels nicht funktioniert, braucht man einen Steuermann, einen Leuchtturm, und manchmal auch nur etwas Rückenwind.

Freischwimmer

Manchmal fühle ich mich klein. Winzig klein. So klein, dass ich mir nicht vorstellen kann, dieser Welt mit all ihren großen Anforderungen etwas entgegensetzen zu haben. Die Welt ist dann eine große Welle, die mich zu überollen droht.

"Aber wenn du so klein bist, dann muss es doch ein Leichtes für dich sein, dich irgendwo zu verstecken vor dieser großen Welt. Irgendwo muss es doch dann ein ruhiges Plätzchen geben, ein kleines Stück Sicherheit, ein Schlupfloch."

Schlupflöcher sind aber was für Feiglinge. Wer will schon klein sein, und ein Feigling noch dazu? Was nützt die Sicherheit, wenn sie einem die Freiheit nimmt? Wie kann man die Ruhe genießen, wenn man sich abgeschnitten vom Leben fühlt?

"Dann wirf dich mutig in die Fluten, lass dich treiben und vertraue darauf, dass die Welle dich immer wieder an die Oberfläche spült."  

Als die Welle kam und mich verschluckte, dachte ich ganz kurz an den türkisblauen Schwimmreifen, den ich gestern im Schaufenster gesehen hatte.

Zum Leben braucht man einen langen Atem.


Samstag, 8. März 2014

Das Kartoffelherz





















Er schälte die Kartoffeln, wie er es immer tat, wenn es Reibekuchen gab. Er hackte auch die Zwiebeln, denn er wusste, sie würde wieder weinen müssen. Er wollte sie beschützen. Er wusste nicht, dass sie schon lange keine Tränen mehr übrig hatte. Nicht einmal mehr für die Zwiebeln.
Ihr Herz, zur Kartoffel erstarrt.